Szene & Zeitgeist

Im Zustand der Liminalität

Im Zustand der Liminalität


Seit einigen Jahren erfährt unsere Arbeitswelt einen grundlegenden und strukturellen Wandel. Die Auslöser dafür sind vielfältig: Digitalisierung, Globalisierung, Bildung und Migration sind ebenso treibende Kräfte wie der Wandel von Werten und Ansprüchen. New Work, begründet vom Sozialphilosophen Frithjof Bergmann, ist der Inbegriff dieses epochalen Umbruchs, welcher die Arbeitswelt von Grund auf umformt. Denn der Wandel von einer Industrie- zur Wissensgesellschaft und die veränderte Lebenskultur der (zukünftigen) Arbeitnehmer erfordern Innovationen in der Arbeitswelt. Dafür müssen klassische Konzepte von Arbeit – auch Raum betreffend – neu gedacht werden. Bedeutet konkret, es braucht mehr als stylische Interiors, die als Kulisse unseres nächsten Instagram-Posts dienen, mehr als rituelle Zeremonien eines frisch gebrühten Cortados an der Cimbali und mehr als Hymnen á la „It’s coming home“ am allseits beliebten Tischkicker, der Einzug erhält in die Büros dieser Welt. Vielmehr geht es um den tiefgreifenden kulturellen Wandel im Unternehmen und darum, basierend auf einem ganzheitlichen Raumkonzept den drei Grundbedürfnissen der Menschen gerecht zu werden: Kommunikation, Konzentration und Regeneration. 


Kommunikation

Unsere Arbeit ist immer weniger an Ort und Zeit gebunden. Wir haben Meetings via Skype, sind im Home-Office produktiv und selbst auf einer einsamen Insel noch erreichbar. Doch trotz, oder gerade aufgrund dieser veränderten Arbeitsstrukturen wächst die Bedeutung des Büros als Ort der Begegnung, der ungeplanten Kommunikation, der Kollaboration und des direkten Wissenstransfers. Prägnanter formuliert: Je digitaler und flexibler unsere Arbeitswelt wird, desto mehr steigt das Bedürfnis nach räumlicher Nähe und einer direkten physischen Kommunikation und Kollaboration. Was wir brauchen sind mutige und innovative Arbeitsplatzkonzepte, die das Miteinander als Teil der Unternehmenskultur inszenieren und fördern.

Konzentration

Das Großraumbüro, wurde lange Zeit zum Heilsbringer unserer Zeit verklärt. Eine Zeit, in der wir flexibel, transparent, kreativ, dynamisch, kommunikativ und vor allem unglaublich erfolgreich arbeiten sollen. Dabei belegen empirische Studien, dass sich Mitarbeiter in einem Großraumumfeld oftmals gestört fühlen: Klackernde Tasten, lästige Telefonate und stickige Luft . . . Wer kennt das nicht. Wie steht es also um unsere Konzentration? Konzentration? Sollte die Begrifflichkeit nun in Ihren Ohren klingen wie ein One-Hit-Wonder aus vergangenen Tagen, stecken Sie höchstwahrscheinlich schon zu lange zwischen Ihren Kollegen fest und arbeiten noch nicht in kreativen Denkwerkstätten mit maßgeschneiderten Arbeitsplatzkonfigurationen – wie z. B.  sogenannten Touch-down-Working-Stations, eingestellten Think Tanks, Collaboration Spaces, Open Space Bereichen oder Micro Meeting Räumen. Um wieder ins Deutsche zu wechseln und auf den Punkt zu kommen: Was wir brauchen sind Ruheoasen im ruhelosen Bürobetrieb, die eine gewisse Privatsphäre ermöglichen und die uns wirklich, wirklich konzentriert arbeiten lassen. 

Regeneration

Ist es nicht faszinierend, dass Menschen, die in ihrem privaten Umfeld tagtäglich Entscheidungen fällen - Ehen schließen, Häuser bauen, Kinder zeugen - sich infantilisieren (lassen), sobald sie morgens die Eingangstür ihres Arbeitgebers passieren? Das beginnt bei der Vorgabe der Arbeitszeit, des Arbeitsplatzes, der Arbeitsstruktur und endet mit der Auslagerung der autonomen Entscheidungsfindung. Zudem wird für alles gesorgt, alles ist da. Der Arbeitsplatz als Uterus, sozusagen. Doch vielleicht ist es bald schon vorbei mit der gemütlichen Entscheidungslosigkeit: Mit seinem Manifest leitete Frithjof Bergmann Wehen ein, die in den letzten Jahren immer stärker wurden; New Work ist das Oxytocin, welches die Abnabelung vom restriktiven Arbeitsalltag anregt. Was wir brauchen ist eine vertrauensbasierte Führung, die uns wieder dazu befähigt, die räumlichen und zeitlichen Konstanten unserer Produktivität selbst einzuschätzen. Warum ist das wichtig? Ich bediene mich eines Zitats um diese Frage abschließend zu beantworten: „Weil kluge Menschen in dummen Organisationen keine [Zukunft] haben!“